Rede: Volkstrauertag 18. November 2017

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir sind heute hier zusammengekommen, um gemeinsam den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft in allen Nationen zu gedenken.

Vor zwei Generationen glich ganz Deutschland einem Totenhaus. So formulierte es der Schriftsteller Heiner Müller. Damals litt nahezu jede deutsche Familie direkt unter den Folgen des Krieges. Besonders am Volkstrauertag, aber auch an allen anderen Tagen des Jahres, dachte man an den im Krieg gefallenen Ehemann, Sohn, Vater, Bruder oder Onkel. In den großen Städten – aber auch hier in unserer Vulkaneifel –, dachten viele Familien auch an die zivilen Opfer: Die Ehefrau, Tochter, Mutter, Schwester und Tante. Wir dachten auch an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur. Wir dachten an unsere jüdischen Mitbürger; an die Roma und Sinti; die Homosexuellen und an alle, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie nicht in das grobe und verbrecherische Weltbild der Nationalsozialisten passten.

Damals war die Trauer sehr persönlich. Das hat sich im Laufe der Zeit verändert: Immer geringer wurde die Zahl derjenigen, die am Volkstrauertag um einen nahen Verwandten trauerten. Heute, 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ist die persönliche Trauer um einen lieben Verwandten oder einen guten Freund kaum noch anzutreffen. Unter uns ist fast niemand mehr, der eine direkte, persönliche Erinnerung an ein Opfer des Zweiten Weltkrieges hat.

Da liegt die Frage nahe:

Hat der Volks-Trauer-Tag vor diesem Hintergrund noch einen Sinn?

Ich bin überzeugt, dass der Volkstrauertag in unserer Gegenwart einen Sinn hat, vielleicht mehr denn je.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Wiedervereinigung Deutschlands glaubten nicht wenige an den Beginn eines Ewigen Friedens. Der Krieg schien weit weg, bis er in unserer unmittelbaren Nähe – im ehemaligen Jugoslawien – mit einer von vielen nicht für möglich gehaltenen Wucht und Brutalität ausbrach. Zum Symbol für Unmenschlichkeit wurde das Massaker von Srebrenica. In dieser bosnischen Stadt wurden 8000 muslimische Jungen und Männer von Serben ermordet.

Der Krieg auf dem Balkan bewies mit erschreckender Deutlichkeit, dass auch in unserer unmittelbaren geographischen Nähe der Krieg und die Gewalt nicht verschwunden waren.

Deutschland musste daraus die notwendigen Konsequenzen ziehen. In der ihm eigenen klaren Sprache brachte es der damalige Bundespräsident Roman Herzog in einer Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik auf den Punkt. Er warnte im März 1995 davor, Deutschland als Insel der Seligen fehlzudeuten. Er sah voraus, die deutsche Außenpolitik werde sich globalisieren müssen. Und dann sprach er die Sätze, die seither zum festen Bestandteil deutscher Außenpolitik geworden sind. Ich zitiere:

„Das Ende des Trittbrettfahrens ist erreicht. Deutschland gehört zum Konzert der großen Demokratien, ob es will oder nicht, und wenn eine dieser Demokratien beiseite steht, schadet sie unweigerlich nicht nur den anderen – sondern letztlich auch sich selbst. Auf erkannte Risiken sollte man nicht reagieren, indem man wartet, bis ihr Eintritt beweisbar ist; denn dann ist es für die Vorbeugung meist zu spät. Vorbeugung ist auch hier besser als Schadensbegrenzung. Immer deutlicher sehen wir, dass risikoscheues Nichthandeln auf die Dauer risikoreicher sein kann als risikobereites Handeln. Und ebenso richtig ist: Wenn wir den Risiken nicht vor Ort begegnen, kommen sie zu uns.“

Wir Deutschen mussten erkennen, dass es in einer globalisierten Welt keine Dinge mehr gibt, die uns nichts angehen. Damit war vorhersehbar, dass wir uns deutlich stärker als in früheren Jahren an den Problemlösungen würden beteiligen müssen.

Der Krieg ist in unsere Nähe gerückt: Auf dem Balkan, im Kaukasus und in der Ukraine. Und auch in Afghanistan, Syrien und in Mali.

Der Krieg ist in unsere Nähe gerückt und das ist auch für uns nicht folgenlos geblieben. Als wirtschaftlich und politisch starkes Land in der Mitte Europas haben wir jeweils den Beitrag zum Erhalt beziehungsweise zur Wiederherstellung des Friedens geleistet, der unserer Stärke entspricht. Wir haben die Mittel der Diplomatie eingesetzt, wir haben unsere wirtschaftliche Kraft in die Waagschale gelegt und wir haben – wo das erforderlich war – auch militärische Hilfe geleistet. Das haben unsere Nachbarn und Freunde von uns erwartet. Und das erwarten die vielen Kinder, Frauen und Männer, die in Not sind, von uns. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen.

Wenn Deutschland zum äußersten Mittel greift und Soldaten in Auslandseinsätze entsendet, so geschieht dies unter klaren rechtlichen Vorgaben. Dabei stimmen wir uns eng mit unseren Verbündeten ab. Unsere Armee ist eine Parlamentsarmee. Die Vertreter des Volkes, unsere Bundestagsabgeordneten, entscheiden, ob die Soldaten unserer Bundeswehr in Marsch gesetzt werden.

Auf die Soldaten unserer Bundeswehr dürfen wir stolz sein: Sie kämpfen für die, die selbst nicht kämpfen können. Unsere Soldaten wissen, welche Risiken sie mit diesem ehrenhaften Handeln eingehen. Mehr als 100 Soldaten – darunter auch eine Soldatin – sind bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr ums Leben gekommen. Unter den Opfern befanden sich auch Soldaten aus den Standorten Gerolstein und Daun. Sie kamen ums Leben oder wurden schwer verwundet. Wir haben diese Männer gekannt, sie lebten mitten unter uns. Wir denken heute auch an sie. Sie hatten ihren Anteil an der Aufgabe, den Menschen endlich den Frieden zu bringen. Und wir wollen hier nicht die Polizisten und Entwicklungshelfer vergessen, die bei Auslandseinsätzen ums Leben kamen. Auch sie gaben ihr Leben für andere.

Verneigen wir uns in Andacht vor unseren Opfern und gedenken wir dabei allen Opfern von Krieg und Gewalt.